Achtung ! Lotse mit nassen Socken an Bord

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Hallo Freunde,

letztens hatte ich die Gelegenheit mich mit einem langjährigen Lotsen der Lotsenbrüderschaft Wismar-Rostock-Stralsund zu unterhalten.

Während des Gesprächs fiel mir ein, dass dies vielleicht auch ein interessantes Thema für euch sein könnte, gerade auch für euch Binnenländer.

Natürlich hat der Titel mit den nassen Socken wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Aber es kommt durchaus schon einmal vor.
Wenn der Lotse an der Lee-Seite, die dem Wind abgewandte Seite, versucht an Bord zu gehen, das zu lotsende Schiff aber wenig Schutz bietet oder Wellen durch andere Schiffe ungünstig auftreffen, kann es durchaus schon einmal nasse Füße geben.

Der Lotse hat auch bei schlechtem Wetter und bei Nacht Dienst
Der Lotse kann sich das Wetter,die Feiertage und die Tages- oder Nachtzeiten nicht aussuchen

Wie und wo läuft nun aber die Arbeit eines Lotsen genau ab und welche Voraussetzungen muss er eigentlich mitbringen, um diesen Job ausüben zu können ?

Als Beispiel nehmen wir natürlich das Seegebiet vor Rostock. Aber es läuft generell ja doch ähnlich ab, wenn man mal von den Lotsen im Panamakanal absieht, wo andere Verantwortlichkeiten vorliegen.
Die Lotsen arbeiten alle auf selbständiger Basis, sind aber in einer Brüderschaft (ja das ü ist kein Schreibfehler) zusammengeschlossen, die eine Körperschaft des öffentlichen Rechts ist.

Das erwirtschaftete Geld dieser Lotsen geht in einen Topf und wird am Ende des Monats durch alle geteilt, egal ob jemand nur große Pötte gelotst hat (== viel Geld) oder sich mit kleineren Schiffen beschäftigen musste.

Die Selbständigkeit garantiert, dass sie unabhängig  von anderen Dienstleistern ihren Dienst tun und nur der allg. Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs verantwortlich sind.

Jeweils ein Lotsenbruder hat ständig Dienst vor Ort in Warnemünde, im vollen 3-Schicht-System. Er ist dafür zuständig, die nächsten einlaufenden, zu lotsenden Schiffe  mit Lotsen zu besetzen, also deren Einsatz zu koordinieren, sie zum Einsatz abzurufen und ihren Transport vom und zum Schiff zu organisieren.
Die Umsetzpunkte sind die Punkte vor den Häfen, ab denen eine Pflicht für bestimmte Schiffe besteht, sich lotsen zu lassen.  Im günstigsten Fall kommen diese Informationen vom Schiff mit Bitte um Lotsenberatung wenigstens 3 Stunden vorher.
Auch gibt es mehrere Umsetzpunkte, näher und weiter entfernt von den Häfen. Welchen Umsetzpunkt ein Schiff ansteuern darf, hängt von dem Tiefgang des einlaufenden Schiffes ab.

Wie ist nun aber der genaue Ablauf ?

Nach der Benachrichtigung des zuständigen Lotsen, durch den diensthabenden Lotsen vor Ort in Warnemünde, begibt sich der Lotse rechtzeitig zum Punkt, von dem das Lotsenboot (das Transportmittel über See) ihn zu dem Umsetzpunkt hinausfährt.

Lotsenboot im Einsatz
Diese Lotsenboote bringen die Lotsen raus zum zu lotsenden Schiff

Die Umsetzung des Lotsen erfolgt während der Fahrt, wobei das zu lotsende Schiff höchstens die Geschwindigkeit auf ein zulässiges Maß verringert.
Das Lotsenboot fährt wenn möglich, auf der dem Wind zugewandten Seite (Luv-Seite) um das Schiff herum, um keine zusätzlichen Wellen auf der dem Wind abgewandten Seite zu erzeugen, um sich dann von hinten dem Schiff zu nähern und längsseits zu gehen.
Jetzt kommt das Umsetzen des Lotsen. Auch heute noch gibt es die bekannten Lotsenleitern (Strickleitern) auf denen sich der Lotse nach oben kämpft.
Dabei ist es auch schon vorgekommen, dass bei so einem alten Seelenverkäufer die mürbe Strickleiter (sagen wir mal teilweise) riss und der Lotse sich als Akrobat auf halber Höhe beweisen musste.

Zusteigen über Strickleiter und Rampe
Das Umsetzen des Lotsen, auch bei stürmischer See ist nicht immer ganz einfach

Dabei wäre das Bad in der Ostsee (wo andere sogar Geld für bezahlen) das kleinere Übel. Wirklich gefährlich würde es werden, wenn unter unserem Akrobaten noch das Lotsenboot fährt.
Gott sei Dank ist dies aber wirklich die absolute Ausnahme.
Bei modernen großen Schiffen, besonders den großen Kreuzfahrtschiffen, gibt es heute Luken im Rumpf des Schiffes, die in etwa 2 Meter über der Wasserlinie liegen, um mit der Höhe des Lotsenbootes in etwa auf einer Ebene zu sein, über die der Lotse zusteigt.

Die Höhe eines Kreuzfahrers
Von der Wasseroberfläche bis hoch zur Brücke kann für den Lotsen bei einem Kreuzfahrer schon mal ein langer Weg sein

Jetzt muss der Lotse ja noch hoch auf die Brücke. Das kann bei einem riesigen Kreuzfahrer auch noch etwas Zeit beanspruchen.
Da dies ja alles während der Fahrt passiert, ist es natürlich wichtig, diesen Vorgang so rechtzeitig abzuwickeln, dass der Lotse beim Eintreffen an der Stelle, ab der das Schiff verpflichtet ist, einen Lotsen an Bord zu haben, sich bereits auf der Brücke befindet.

Auf der Brücke
Natürlich sehen heutige Brücken manchmal auch schon viel moderner aus

Auch wenn der Lotse auf der Brücke ist, gibt der Kapitän des Schiffes nie die Verantwortung für das Schiff ab, der Lotse arbeitet lediglich als Berater des Kapitäns. Allerdings wird der Kapitän dankbar sein über die Hilfe des Lotsen, gerade wenn er das jeweilige Fahrwasser nicht kennt.
Am Rande bemerkt: Es gibt Situationen in denen mehr als 1 Lotse an Bord ist. Ist dies der Fall, wird dem Kapitän vorab mitgeteilt, wer von ihnen der beratende Lotse ist. Eine gute Sache, so kann wenigstens nicht jeder auf den Kapitän einreden.

Was sind die Voraussetzungen um überhaupt als Lotse arbeiten zu können ?

Nicht selten sind es erfahrene Kapitäne, die sich auch sehr gut im jeweiligen Seegebiet auskennen. Aber es können auch 1. Offiziere sein, die schon eine mehrjährige Erfahrung als Navigator nachweisen können.
In Deutschland gibt es heute über 800 Seelotsen. Schiffe zu lotsen, ist bereits seit dem 13. Jahrhundert bekannt. 1632 gab es auf der Insel Rügen den ersten, urkundlich erwähnten, zugelassenen Pilot (ein anderes Wort für Lotse).
Ich denke, dass die Schiffsunfälle, die in Deutschland in den letzten 20 Jahren auf ein Minimum gesunken sind und das bei zunehmendem Schiffsverkehr und immer größer werdenden Schiffen, dies sicher auch den Lotsen mit zu verdanken ist.

OK Freunde, das war´s schon wieder für heute.

Übrigens, für diejenigen die ein besonderes Interesse an diesem Thema haben, gibt es ein wirklich interessantes Buch.
Es ist nicht ganz billig, aber auf Grund der kleinen Auflage schon fast ein Liebhaberstück.
Der Autor dieses Buches war viele Jahre Ältermann (Vorsitzender) der Lotsenbrüderschaft und hat viel zu erzählen.
Ich bin sicher, sollte es bereits vergriffen sein, hat der Verlag Redieck und Schade als Herausgeber sicher noch das ein oder andere Exemplar.

Buch das Lotsenwesen im Seegebiet vor Rostock und Warnemünde

Also macht´s gut bis zum nächsten Mal

Euer Didi

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One Reply to “Achtung ! Lotse mit nassen Socken an Bord”

  1. Hallo Didi, wir sind dazu übergegangen, uns die Beiträge von Dir vorzulesen. Das macht echt Spaß… und man macht das, was Du vorschlägst, man denkt darüber nach und diskutiert. Also, sieh zu, dass Du weiter lieferst, dann schmeißen wir demnächst die Glotze weg. Ach ja, und danke für den Literaturtipp! Matti und sien Frue

Was denkst Du so darüber ?